Dafür kämpfe ich

INTERVIEW: Katharina Linpinsel spricht über Armut und Ausgrenzung

Warburg. In Deutschland ist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales dem Aufruf zum Europäischen Jahr (EJ) zur Bekämpfung der Armut und sozialen Ausgrenzung gefolgt. Die Solidargemeinschaft soll mit Aktionen und Programmen zum Thema sensibilisiert werden. Not existiert überall - auch im Warburger Land. Darüber spricht NW-Mitarbeiterin Sandra Wamers mit Katharina Linpinsel, Leiterin der Warburger Diakoniestelle.
 
Warum braucht es ein Europäisches Jahr gegen Armut und Ausgrenzung?
 
KATHARINA LINPINSEL: Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer mehr auseinander. Das Wohlstandsgefälle gibt Anlass zur wachsenden Sorge: 14,2 Prozent der Deutschen gelten als armutsgefährdet. Europaweit sind es 16 Prozent. Sowohl in Deutschland als auch in der EU gibt es ein deutliches Ost-West-Gefälle. Besonders betroffen sind Kinder. In Deutschland gelten mittlerweile mehr als zwei Millionen Kinder als arm. Als armutsgefährdet gelten diejenigen, die mit weniger als 50 Prozent des Durchschnitts-Einkommens auskommen müssen. In Deutschland ist das in etwa der Hartz IV-Regelsatz. Darüber hinaus sind immer mehr Menschen arm trotz einer Arbeitsstelle. Sie sind auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen.
 
Wer ist besonders von Armut bedroht?
 
LINPINSEL: In den Richtlinien der Europäische Kommission sind Risikofaktoren für Armut genau beschrieben: Menschen mit niedrigem Bildungsniveau, insbesondere Schulabbrecher, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Familien mit nur einem Einkommen, Migranten, Menschen mit Behinderungen, Obdachlose, Arbeitslose und insbesondere Langzeitarbeitslose, ehemalige Straffällige, Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind, sowie Drogenabhängige. Frauen sind deutlich stärker betroffen, vor allem allein erziehende Mütter, Frauen ohne Berufsausbildung und ältere Frauen mit geringer Rente.
 
Was bedeutet es, arm zu sein?
 
LINPINSEL: Sie müssen jede kleine Ausgabe überdenken. Darüber hinaus ist die mangelnde Chancengleichheit die gravierendste Auswirkung. Arme können nur sehr eingeschränkt an gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten teilnehmen. Kinder haben deutlich schlechtere Bildungschancen: Sie haben keinen Computer. Der ist bei Hausaufgaben oder Bewerbungen aber heute Standard. Armut heißt also immer auch mangelnde Teilhabe und Ausgrenzung. Die Menschen sind mit ihren Problemen allein und vererben die Probleme mitunter an ihre Kinder. Das darf die Gesellschaft so nicht hinnehmen.
 
Was soll konkret gegen Armut und Ausgrenzung getan werden?
 
LINPINSEL: Es soll ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit geleistet werden. Das Grundrecht auf ein Leben in Würde und auf umfassende Teilhabe an der Gesellschaft für alle Menschen muss anerkannt werden. Vorurteile sollen abgebaut und Diskriminierungen entgegenwirkt werden. Auch sollen Ansätze zur Überwindung von Ausgrenzung aufgezeigt werden. Das EJ richtet sich an die moderne Zivilgesellschaft: Wirtschaft, Organisationen und Menschen sollen füreinander Verantwortung übernehmen. Vor allem sollen Runde Tische zum Thema Armut angeregt werden, dabei kommt dem ehrenamtlichen Engagement eine besondere Bedeutung zu. Leitprinzip aller Maßnahmen ist, nachhaltig das soziale und friedliche Miteinander zu stärken und zu fördern.
 
Wie sieht das konkret für die Region Warburg aus?
 
LINPINSEL: Die ersten wichtigen Schritte sind gesetzt: Im Herbst hat sich der „Runde Tisch Armut“ im Kreis Höxter gegründet und in Warburg engagieren sich viele Ehrenamtliche. Im EJ wünsche ich mir, dass sich auch die Kommunalpolitik stärker des Armut-Problems annimmt.
 
Die Diakonie ist bereits seit vielen Jahren in diesem Bereich aktiv. Was tun Sie?
 
LINPINSEL: Als kirchlicher Wohlfahrtsverband handeln wir nach zwei Prinzipien: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Gerechtigkeit heißt, dass wir uns für soziale Gerechtigkeit einsetzen, auf Ungleichheiten aufmerksam machen. Im Sozialwort der evangelischen Kirche steht: „Wir wollen den Armen eine Stimme geben“. Barmherzigkeit heißt, dass wir Menschen in Not mit unterschiedlichen Hilfen zur Seite stehen. Mit professionellen Beratungsangeboten, mit Begleitung und Betreuungen, mit materiellen Hilfen und vielen Unterstützungsangeboten.
 
Wie zum Beispiel dem Warburger Mittagstisch?
 
LINPINSEL: Genau. Beim Mittagstisch und auch in der Schulmaterialienkammer werden bereits viele Leitgedanken des EJ umgesetzt. Der Mittagstisch wird als Hilfeangebot von den sogenannten Risikogruppen angenommen. Der Mittagstisch ist an die Beratungsstelle der Diakonie angebunden. Gäste werden bei Bedarf schnell und unbürokratisch an unsere Sozial-, Familien, Schuldner- oder Suchtberatung herangeführt. Durch das Miteinander von Gästen und Ehrenamtlichen werden Grenzen überwunden, das fördert die Integration. Durch die Ehrenamtlichen wird das Thema Armut auch in die Öffentlichkeit getragen und bekommt in der Stadt Bedeutung. Die Landesregierung hat bereits 2008 dem Mittagstisch deshalb einen modellhaften Charakter bescheinigt. Seit anderthalb Jahren wird der Mittagstisch sozialpädagogisch durch einen Sozialarbeiter betreut. Ziel der Begleitung ist vor allem, die Eigenkräfte der Gäste zu stärken und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Es gibt bereits beachtliche Fortschritte. Es wächst immer mehr eine Gemeinschaft heran. Ein harmonisches Miteinander wird kultiviert: Die Gäste sind bereit sich untereinander zu helfen, etwa bei Umzügen oder Renovierungen. Wir wünschen uns, die sozialpädagogische Begleitung des Mittagstisches trotz Finanzknappheit aufrecht erhalten können.
 
Ihre Wünsche für das Europäische Jahr gegen Armut und Ausgrenzung?
 
LINPINSEL: Dass wir mit vielen Gruppen, Schulen und der Politik ins Gespräch kommen. Dass wir über geeignete Hilfe, also eine Hilfe, die hilft, diskutieren. Ich hoffe, dass sich viele Ehrenamtliche gern bei uns engagieren und unsere Gäste auch in Zukunft gern kommen, sich bei uns angenommen und nicht ausgegrenzt fühlen. Mein größter Wunsch ist, dass Armut und Ausgrenzung überwunden werden. Daran glaube ich. Dafür kämpfe ich.
 


dafür kämpfe ich

WEITERE NACHRICHTEN
23. Dezember 2010:
Weihnachtsmarkt in Warburg
13. September 2010:
Familien Halt geben
18. Januar 2010:
Bittbrief vom Mittagstisch
18. Januar 2010:
Dafür kämpfe ich

Archiv 2009:
Was war 2009?
Archiv 2008:
Was war 2008?
Archiv 2007:
Was war 2007?
Archiv 2006:
Was war 2006?
Archiv 2005:
Was war 2005?
Archiv 2004:
Was war 2004?
Archiv 2003:
Was war 2003?

 


 Startseite | Angebote | Standorte | Information | Über uns
  © 2003 Diakonie Paderborn-Höxter e.V.  Alle Rechte vorbehalten.