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Kinderarmut
Sozialexperte Dr. Christoph Butterwegge warnt vor den Folgen der Kinderarmut
von HELGA KROOSS
BRAKEL – Kinderarmut ist mitten unter uns und wird doch oft nicht wahrgenommen. In den letzten Jahren zeigte sich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche in materieller Not aufwachsen. Ihnen fehlt es nicht nur am Nötigsten, auch können sie nicht immer am alltäglichen Leben ihrer Gruppen- oder Klassenkameraden teilhaben. Die Folge ist Ausgrenzung. Gerade für Kinder kann Armut erniedrigend, deprimierend und bedrückend sein, und wegen Armut ausgelacht zu werden, ist für ein Kind manchmal ebenso schlimm wie hungrig ins Bett zu gehen, sagt Professor Dr. Christoph Butterwegge (58).
Doch was sind die Erscheinungsformen und Ursachen der Kinderarmut? Welche Gegenmaßnahmen kann man treffen? Antwort auf diese Fragen versuchte Professor Butterwegge von der Universität Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, in seinem gut eineinhalbstündigen Vortrag zu geben. Die Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände hatte dazu in die Brakeler Stadthalle eingeladen.
„Armut bedeutet mehr, als wenig Geld zu haben. Sie ist auch als ein relatives Maß an sozialer Ungleichheit zu verstehen“, führte der Kölner Professor an. Das führe unter anderem dazu, dass die Betroffen Familien, Kinder und Jugendlichen daran gehindert würden, selbstbestimmt am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen. Nach Butterwegges Meinung liegen die „Wurzeln“ der Kinderarmut auf drei Ebenen: In Arbeits-und Produktionsprozessen würden feste, lebenslange Arbeitsverhältnisse aufgelöst und durch befristete Leih- und Teilzeitarbeit ersetzt. Zum Zweiten hätten sich die Familienstrukturen geändert, traditionelle Sicherungselemente zerfielen. Die Normalfamilie mit bis zu drei Kindern habe nicht mehr die Bedeutung wie früher. Als Stichworte nannte er Ehegattensplitting, Einelternfamilie und nichteheliche Partnerschaften. Ein dritter Aspekt sei der Umbau des Sozialstaates auf Kosten vieler kaum abgesicherter Eltern.
„Hartz IV ist die bedeutendste Chiffre, die Armut mit erzeugt hat“, übte Butterwegge scharfe Kritik am Sozialgesetzbuch II. In diesem Zusammenhang betrachtete er die Bedürftigkeitsprüfung, Mini-Jobs und Elterngeld genauer und wies auf die stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich hin. „Um die Kinderarmut mit Erfolg zu bekämpfen, müssen auch die Reichen zu Kasse gebeten werden“, forderte der Politik- und Sozialwissenschaftler, der sich für die Erhöhung der Erbschaftssteuer und Wiedereinführung der Vermögenssteuer aussprach.
Ein Patentrezept zur Verhinderung von Kinderarmut habe er zwar nicht, nannte aber drei wesentliche Kernelemente eines integrierten Gesamtkonzeptes - alle mit „G“ beginnend: Ganztagsbetreuung, Gemeinschaftsschule und soziale Grundsicherung für Familien. Dazu zählten auch Mindestlöhne. „Hier muss sich der Druck auf die Politik deutlich erhöhen“, betonte Butterwegge. Dieser Meinung schloss sich auch die Geschäftsführerin der Diakonie Paderborn-Höxter Jutta Vormberg an. „Es ist wichtig, dass es Einrichtungen wie die ‚Tafeln‘ und ‚Kleiderkammern‘ gibt“, sagte sie. Solidarität mit den Armen zu zeigen, sei unerlässlich. Pfarrer Karl-Ludwig Wendorff aus Rimbeck schlug vor, Kompetenzteams zu bilden
und einen Sozialkongress einzuberufen. AWO-Geschäftsführer Wolfgang Kuckuk betonte, dass die Gesellschaft der Anwalt der Armen sein müsse. Es gelte jetzt gemeinsam mit den politischen Verantwortlichen nach Lösungen zu suchen.
Doch gab es auch Kritik an Butterwegges Vortrag. Hubertus Fehring, CDU-Landtagsabgeordneter, warf dem Referenten sachliche Fehler und politische Einseitigkeit vor. Allerdings stimmte Fehring Butterwegge in der Notwendigkeit einer verbesserten Ganztagsbetreuung zu.
Infokasten:
Wirtschaftskrise verschärft Armutsproblem
Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit lebten 2007 von den 11,4 Millionen Kindern unter 15 Jahren fast 1,93 Millionen Kinder in Hartz IV-Haushalten. Zählt man die Kinder aus Sozialhilfehaushalten, Flüchtlingsfamilien, Familien ohne Aufenthaltsstatus und jene die aus Unwissenheit oder Scham keinen Antrag stellen dazu, so erhöht sich die Zahl auf 2,8 bis 3 Millionen. Einer Erhebung der Wohlfahrtsverbände von vor zwei Jahren zufolge leben im Kreis Höxter 2.700 Kinder in Hartz IV-Haushalten.
„Durch die Wirtschaftskrise wird die Kinderarmut noch weiter zunehmen. Verschärft wird das Problem noch durch die wachsende Arbeitslosigkeit“, prognostizierte Professor Dr. Christoph Butterwegge, der sich seit 15 Jahren mit der Kinderarmut beschäftigt. Zu diesem Thema hat der Politik- und Sozialwissenschaftler nicht nur unzählige Vorträge gehalten, sondern auch eine Reihe an Büchern geschrieben wie „Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland“ und „Kinderarmut und Generationengerechtigkeit“. Seit 1998 hat er eine Professur für Politikwissenschaften an der Universität zu Köln und ist Mitglied der Forschungsstelle für interkulturelle Studien.
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