Siegerehrung Wettbewerb "Arm und reich in unserer Stadt"

"Ach ja, die Scham"

Jugendliche wissen, was Armut ist. Sie kennen verarmte Freunde und Familien, sind vielleicht selbst betroffen, haben Angst davor. Doch geredet wird wie bei den Erwachsenen nur wenig über das soziale Trauma. Dass es auch anders geht, hat der Kreativwettbewerb „Armut und Reichtum in meiner Stadt“ bewiesen. Am vergangenen Freitag wurden die Preise für die besten Beiträge vergeben.
 
„Am T-Shirt sieht man´s nicht“ hat Christopher Fuchs unter sein Kunstwerk geschrieben. Mit seinem Holzschnitt hat er die Jury so sehr beeindruckt, dass sie den Schüler der Klasse 10 B der Gesamtschule Elsen mit einem Sonderpreis bedachte.
 
Christopher Fuchs ist mit seinem Satz zum Kern des Problems vorgedrungen. Armut ist heute unsichtbar, wird versteckt. Niemand muss mehr hungern, aber der Verlust des sozialen Status wird um so schmerzlicher erfahren. Darüber spricht man besser nicht.
 
Dieses Tabu wollten die 16 sozialen Verbände und Vereine, die im „Runden Tisch Armut“ zusammengeschlossen sind, mit dem Wettbewerb „Armut und Reichtum in meiner Stadt“ durchbrechen. Den Erfolg dieses Plans haben Veranstalter und Teilnehmer am Freitag bei der Preisverleihung mit einer großen Party gefeiert. Die Paderborner Promiband „Peachbox“ war mit von der Partie und die „Blue Monks“ von der Schule für Musik, aber auch die Fernsehfrau Brigitte Büscher, bundesweit durch die ARD-Sendung „Hart aber fair“ bekannt. Attraktiv waren auch die Preise. Sie sind mit großzügigen Aktionen verbunden. In den nächsten Wochen werden die Preisträger Workshops mit Fachleuten erleben oder Praxistage in Studios und Ateliers verbringen.
 
Jugendliche suchen ihre soziale Rolle, definieren ihre Persönlichkeit. Nicht mehr das richtige Marken-T-Shirt kaufen zu können oder kein Geld für die Klassenfahrt zu haben, scheint traumatische Folgen für die jugendliche Seele zu haben. Betroffene werden gemieden wie Aussätzige. „Und schon wird man als Asi gedisst“, beschrieben die beiden Rapper Falco und Mark in einem Gastauftritt während der Veranstaltung diesen Ausgrenzungsprozess.
 
Für Erwachsene: „Asi“ steht für Asoziale, „gedisst“ für gemobbt, ausgegrenzt, verlacht. Wie das genau passiert, zeigte der „SoWi-Kurs“ an der Hauptschule Mastbruch in der prämierten Doku-Fiction über die Vorurteile und die Einsamkeit, denen Schüler armer Familien in den Klassen ausgesetzt sind. WDR-Studioleiter Michael Thamm lobte die jungen Filmemacher bei ihrer Preisverleihung für die Realitätsnähe ihrer Arbeit.
 
Wie im Film bemüht sich auch die Theatergruppe der Edith-Stein-Schule in ihrem ausgezeichneten Schauspiel um Lösungen aus der Sackgasse der sozialen Rollenerwartungen „Warum sucht man nicht gemeinsam nach Lösungen“, fragt die Erzählerin auf der Bühne und gibt selbst die Antwort: „Ach ja, die Scham.“
 
Wie sich Scham anfühlt, haben die Autorinnen der Schreibwerkstatt an der Hauptschule Niederntudorf-Wewelsburg in ihren Texten beschrieben und damit Begeisterung in der Jury ausgelöst. Die Schule erhielt den 1. Preis. Die Schülerinnen Isabelle Kleineniggenkemper, Junine Ruigies, Sara Vollmert und Melissa Wenske wurden mit Sonderpreisen ausgezeichnet. Einhelliges Lob auch für das Goerdeler-Gymnasium für eine symbolstarke Bildmontage, die die „Betreuungsgruppe“ voller Phantasie und detailreich hergestellt hatte. Weitere Sonderpreise erhielten die Hauptschule Egge und die Realschule Schloß Neuhaus.
 
Die mehr als 300 Jugendlichen, die am Freitag an der Preisverleihung teilnahmen, stärken die Hoffnung, dass Jugendliche politisch und sozial längst nicht so passiv sind, wie Ältere dies vermuten. Sie sind auf jeden Fall ein gutes Beispiel für die Lieblingsthese von Ehrengast Manfred Müller. Müller weiß, dass auch im Kreis Paderborn viele Kinder und Jugendliche von Armut betroffen sind. Für ihn ist gute Bildung ein Weg, dem zu entkommen. Die intellektuellen Leistungen und das Engagement der Schüler, die in der Kulturwerkstatt deutlich wurden, könnten ihm den Eindruck vermittelt haben, dass diese Bildungsethos schon jetzt an vielen Schulen Wirkung zeigt.
 


Armut und Reichtum in meiner Stadt

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