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1. Paderborner Sozialkonferenz endet mit "Paderborner Erklärung"
Armut bekämpfen durch Maßnahmen von Stadt und Kreis - Kirchen und Gewerkschaft fordern und sind selbst aktiv
VON HEIDE WELSLAU
PADERBORN – Wichtigstes Ergebnis der 1. Paderborner Sozialkonferenz, die am 28. Februar im Audimax der Theologischen Fakultät in Paderborn mit rund 170 Teilnehmern stattfand, ist die „Paderborner Erklärung“ der Evangelischen und Katholischen Kirche sowie des Deutschen Gewerkschaftsbundes Region Paderborn-Lippe-Höxter. Unterzeichnet wurde die Erklärung von Superintendentin Anke Schröder (Kirchenkreis Paderborn), Dechant Benedikt Fischer (Dekanat Paderborn), Prälat Dr. Peter Klasvogt (Direktor des Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn, der Kommende Dortmund) und Astrid Bartols (DGB-Regionalvorsitzende).

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion: (v.l.)Norbert Müller (stellv. GEW-Lamdesvorsitzender), Monsignore Thomas Dornseifer, Superintendentin Anke Schröder, Moderator Peter Hasenbein (Lokalchef Neue Westf. Paderborn), Dr. Ulrich Thien und Guntram Schneider.
Mit der 1. Paderborner Sozialkonferenz haben die evangelische und katholische Kirche sowie der DGB ihre Zusammenarbeit der letzten Jahre fortgesetzt. Mit der jetzigen Aktion verfolgen die Veranstalter das Ziel, ein breiteres Bewusstsein für das Ausmaß und die Folgen der verschiedenen Armutsformen - Armut der „Working Poor“ (Lohn unzureichend für Lebensunterhalt), Armut von Hartz IV-Empfängern, Armut von Menschen mit fehlenden Bildungschancen – im Raum Paderborn zu schaffen. Die Konferenz soll ermutigen, hier „konkrete Schritte zur Verbesserung der Lage der Betroffenen aufzuzeigen und anzupacken“, heißt es in der "Paderborner Erklärung".

170 Teilnehmer – vom Arbeitslosen bis zum Geschäftsführer – kamen zur 1. Paderborner Sozialkonferenz, die im Audimax der Theologischen Fakultät am Kamp in Paderborn stattfand.
Die „Paderborner Erklärung“ wird Bürgermeister Heinz Paus und Landrat Manfred Müller übergeben werden. Unter dem Titel „Hungern nach Gerechtigkeit“ fordert sie für Stadt und Kreis Paderborn: regelmäßige Reichtums- und Armutsberichte analog zu denen des Bundes und des Landes NRW; die gesicherte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle Bürgerinnen und Bürger etwa durch entsprechende Vergünstigungen bei Eintrittspreisen und Fahrtkosen; gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Ausbildung und Qualifikation etwa durch kostenlose Lernmittelhilfen; Einrichtung kompetenter Arbeitsgruppen auf Stadt- und Kreisebene, die Armutsthemen aufgreifen und Lösungen erarbeiten; den Erhalt und die Förderung entsprechender Beratungsstellen. - Bürgermeister Paus hatte in seinem Grußwort die Wichtigkeit „optimaler Bildungs- und Entwicklungschancen für alle, die bei uns aufwachsen“ betont. Jeder Euro in Chancengleichheit und –gerechtigkeit sei eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft.

Das Schülerkabarett "Die Spee-Zialisten" von der Friedrich-von-Spee-Gesamtschule in Paderborn sorgte während der Sozialkonferenz für Unterhaltsames.
Im Eingangsreferat „Wachsende Armut in einem reichen Land“ beschrieb der Theologe und Sozialarbeiter Dr. Ulrich Thien, Leiter des Referates Soziale Arbeit beim Diözesancaritasverband Münster, die Situation vieler Menschen in Deutschland mit der Feststellung „Am Ende des Geldes ist noch Monat da“. Reichtum wachse, während Armut sich in den letzten 30 Jahren ausbreite. 18 Prozent aller Bürger in Deutschland gelten als arm, zusätzliche 13 Prozent erhalten Transferleistungen. Die Zahl der Arbeitslosen sinke, die der Langzeitarbeitslosen steige. Thien warnte davor, dass existenzunterstützende Angebote von Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und anderen Initiativen wie Tafeln, Schulmaterialien- und Kleiderkammern zu Lückenbüßern für ungenügende politische Maßnahmen innerhalb der Armutsprävention und –bekämpfung werden. Eine Fortschreibung des 1997 veröffentlichten Sozialwortes der Kirchen sei dringend notwendig, so Thien.

Hier präsentiert Susanne Bornefeld, Sozialbeauftragte des Kirchenkreises Paderborn und Leiterin des Arbeitslosenbüros der Diakonie Paderborn-Höxter, die Ergebnisse des Workshops "Wege aus der Armutsfalle".
Den Teilnehmern der 1. Paderborner Sozialkonferenz - vom Arbeitslosen bis zum Geschäftsführer sowie Schulklassen von Berufsschulen - wurden drei Workshops zu den Themen „Wege aus der Arbeitslosigkeit“, „Wege aus der Armutsfalle“ und „Wege aus der Bildungsarmut“ angeboten, deren Ergebnisse vorgestellt wurden. Gefordert wurde unter anderem: eine zeitliche Begrenzung von Leiharbeit seitens der Betriebe, eine Anbindung der Leiharbeit an die Entwicklung von Tarifverträgen, überall existenzsichernde Mindestlöhne, kostenlose Freizeit- und Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche, beitragsfreies Mittagessen für Schüler, echte Ganztagsschulen mit Lehrern, die ausreichend Zeit für Erziehung und Beratung haben, Schulen mit mehr Sozialarbeiterstellen (zurzeit ein Sozialarbeiter für 1000 Schüler auf Lehrerstelle), stärkere Integrationsanstrengungen an Schulen. Finanzieren könnte man die schulischen Maßnahmen durch die Einführung einheitlicher Schulbücher in allen Bundesländern, schlug Detlef Strauß, Schulleiter der Friedrich-von-Spee-Gesamtschule vor. Unverzichtbar bei allen Maßnahmen sei die Berücksichtigung des Ansatzes Hilfe zur Selbsthilfe sowie ein respektvoller Umgang miteinander. Realistisch angemerkt wurde von den Konferenzteilnehmern, dass nur das möglich werde, was politisch gewollt und durchsetzbar sei. Ohne das Einbeziehen der Kommunalpolitiker gehe es nicht.
In der abschließenden Podiumsdiskussion plädierte Monsignore Thomas Dornseifer (Leiter der Hauptabteilung Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn) für die Einrichtung einer Schule für alle Kinder, auch in der Sekundarstufe, anstelle des jetzigen selektiven Schulsystems. Dr. Ulrich Thien schlug eine neue Form der Zusammenarbeit und Verantwortlichkeit zwischen den Bereichen Soziales, Kinder und Jugendliche sowie Schule vor. Guntram Schneider, DGB-Vorsitzender in NRW, sah in der jetzigen Krise auch die Chance mit allen gesellschaftlichen Kräften einen Diskurs darüber zu führen, „wie wir eigentlich zukünftig arbeiten und leben wollen“. Dass das Thema „Soziale Gerechtigkeit“ in Paderborn weiterhin angepackt wird, das sicherte Superintendentin Anke Schröder zu: „Wir ruhen uns nicht auf der Sozialkonferenz aus.“
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