Eine gemeinsame Sprache finden

Fachtagung zur Heimerziehung mit Spiegel-Redakteur Peter Wensierski

VON CHRISTINE HARTLIEB
PADERBORN - "In den endlosen Stunden in der kalten und dämmrigen Dachkammer hatte ich zum ersten Mal Selbstmordgedanken", berichtet Marion Zagermann. Marion war von 1965 bis 1970 im Kinderheim der Diakonissen vom Zionsberg, der heutigen "Kindervilla Scherfede". Dem Spiegel-Redakteur Peter Wensierski erzählte sie ihre Leidensgeschichte, berichtete von körperlicher Gewalt, Ruhigstellung mit Valium, Baden zwischen Blutegeln in der Diemel und tagelangem Zellenarrest im Dunkeln. Nachzulesen sind ihre Erinnerungen im kürzlich erschienenen Buch "Schläge im Namen des Herrn".
 
Aufgerüttelt durch das Buch, lud das Evangelische St. Johannisstift - seit 1981 Träger der Kindervilla Scherfede - jetzt zu einer Fachtagung "Historie der Heimerziehung". Fachleute, Zeitzeugen, Betroffene, Mitarbeiter des St. Johannisstiftes und Vertreter der Jugendhilfeeinrichtungen aus Stadt und Kreis Paderborn diskutierten gemeinsam mit Buchautor Peter Wensierski über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Heimerziehung.
 
"Hier geht es um unsere Identität", kommentierte Vorstand Sven Freytag. Der Vergangenheit der Kindervilla Scherfede wolle das St. Johannisstift mit Transparenz und Offenheit begegnen. Das Archivmaterial sei vollständig erhalten und stehe für die Recherchen Betroffener oder wissenschaftliche Aufarbeitung zur Verfügung.
 
Wensierski ergänzte: "Das Bedürfnis der ehemaligen Heimkinder, sich Gehör zu verschaffen, ist groß." Für sein Buch interviewte der Spiegel-Redakteur Betroffene aus Kinderheimen in ganz Deutschland, forschte in Archiven, bemühte sich um Begegnungen mit damaligen Heimleitern und Erziehern und befragte auch Personen aus dem Umfeld der Kinderheime: Ärzte, Lehrerinnen, Lieferanten und Mitarbeiter - zum Thema Kindervilla fand er beispielsweise Aufzeichnungen der damaligen Köchin.
 
Marion Zagermann saß auf dem Podium der Fachtagung erstmals seit ihrem Abschied aus dem Heim Vertreterinnen der Diakonissen-Kommuinität vom Scherfeder Zionsberg gegenüber. Sie zitierte aus ihrer Akte, in der ihr u. a. ein IQ unter dem Wert von eins attestiert wurde. "Sobald ich in meine Akte schaue, geht es mir furchtbar schlecht," kommentierte Marion Zagermann. Mit ihr diskutierte ihre Leidensgenossin Gundula Hoffrogge, die aufgrund ihrer unehelichen Abstammung jahrelang als "Bastard" und "Teufelsbrut" stigmatisiert wurde.
 
Die Diakonissen Schwester Ursula Metz und Schwester Marlies Betlehem, die sich der öffentlichen Diskussion im Forum stellten, traten erst nach dem fraglichen Zeitraum der Kommunität bei. "Wenn dies alles tatsächlich wahr wäre, so bitte ich die Betroffenen um Vergebung", sagte Schwester Ursula, und fügte hinzu: "Wenn nur ein Drittel der Erinnerungen und Recherchen stimmt, ist es eine Schande." Sie verurteilte auch die regelmäßige Verabreichung von Valium ohne vorhergehende ärztliche Untersuchung.
 
"Ich finde es sehr tapfer, dass zwei Schwestern vom Zionsberg hier sind", kommentierte Gundula Hoffrogge. Matthias Kochs, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe St. Johannisstift und Initiator der Veranstaltung, sagte: "Ich bin sehr froh, dass es zu einer Begegnung gekommen ist." Die Fachtagung war gerade in den Reihen ehemaliger Heimkinder auf große Beteiligung gestoßen: Entrüstung, aufbrechende Wunden, Fassungslosigkeit und der Wunsch, sich und seinen Erinnerungen Gehör zu verschaffen, war auch bei vielen Besuchern - Menschen, die in Paderborn und anderswo in Heimen gelebt hatten - spürbar.
 
Wensierski erläuterte: "Für die Beteiligten ist es oft sehr schwierig, eine gemeinsame Sprache zu finden. Es bedarf noch vieler solcher Veranstaltungen, noch vieler Bücher und Filme." Auch der katholischen Kirche empfahl er die Aufnahme eines Dialogs mit ehemaligen Heimkindern - etwa aus dem Salvatorkolleg im Kreis Paderborn - und eine öffentliche Thematisierung. Die viele Jahrzehnte fehlende Auseinandersetzung der Kirchen mit Themen wie diesen trage eine Mitschuld an deren Glaubwürdigkeits- und Bedeutungsverlust.
 


Fachtagung zur Heimerziehung
Erster Dialog: (von links) Schwester Marlies Bethlehem, Schwester Ursula Metz, Betroffener Michael-Peter Schiltsky, Buch-Autor Peter Wensierski, Moderator Pfarrer Günther Niemeyer (Johanneswerk Bielefeld), Betroffene Marion Zagermann und Betroffene Gundula Hoffrogge beim Podiumsgespräch der Fachtagung "Historie der Heimerziehung.
FOTO: CHRISTINE HARTLIEB

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