Schuldnerberatung der Diakonie - ein Fallbeispiel

Eines Tages schuldenfrei?

Warburger Schuldner-Beratungsstelle
Seit 25 Jahren finden Menschen in der Diakonie-Beratungsstelle in Warburg Beratung und Hilfe. Judith Menne berät in Fällen von Verschuldungen und Insolvenzen.
(Foto: gestellt)

Mit energischen Schritten und einem Lächeln auf den Lippen betritt die junge Frau das Büro. Fröhlich begrüßt sie die Sozialarbeiterin, bei der sie heute ihren Beratungstermin hat. Eine kleine, ja zierliche Person - wölbte sich nicht unter ihrer Latzhose ein beachtlicher Bauch.
 
In der Warburger Zweigstelle der Diakonie ist die Frau - nennen wir sie Kirsten F. - regelmäßiger Gast. Zum ersten mal kam sie vor zwei Jahren. Auch damals war sie schwanger, mit ihrem zweiten Kind. Dieser Tatsache verdankte sie auch die Energie, sich endlich mit dem Schuldenberg zu beschäftigen, der sie schon seit einiger Zeit drückte und über den sie mittlerweile jeglichen Überblick verloren hatte. "Meine Situation damals war katastrophal," erinnert sich die heute 31-Jährige. "Manchmal war ich wochenlang nicht am Briefkasten, die vielen Rechnungen und Mahnungen wollte ich überhaupt nicht sehen. Und nachts konnte ich nicht mehr schlafen vor lauter Zukunftssorgen."
 
Die Schulden, so schien es Kirsten F., waren ganz plötzlich gekommen. Durch eine schwere Krankheit mit wochenlangen Klinikaufenthalten hatte sie ihren Job als Verkäuferin verloren. Dann kam die Trennung von ihrem Mann. Die gemeinsame Wohnung konnte nicht schnell genug aufgelöst werden, Mieten mussten parallel gezahlt werden. Hinzu kamen Handy- und Versandhausrechnungen und die üblichen Mietnebenkosten. Schon hatte sich ein Schuldenberg von rund 5000 Euro angesammelt.
 
Von einer Nachbarin bekam Kirsten F. den Tipp mit der Schuldnerberatung. Der erste Besuch war eine ziemliche Überwindung. Aber es lohnte sich: "Zum ersten Mal konnte ich wieder richtig aufatmen." Natürlich waren die Schulden nicht weg. Aber Kirsten F. wusste jetzt, sie konnte sich jederzeit an Frau Menne aus der Beratungsstelle wenden. Die Beraterin verhandelte in der ersten Zeit mit den Gläubigern. "Manches wurde mir erst einmal gestundet, andere Schulden trage ich in winzigen Raten von 10 Euro im Monat ab." Die Erleichterung steht Kirsten F. noch ins Gesicht geschrieben. "Es ist alles sehr mühsam und geht unendlich langsam. Aber endlich hatte ich das Gefühl, selbst etwas tun zu können. Nicht die absolute Looserin zu sein."
 
Mittlerweile hat Kirsten F. wieder geheiratet. Auch ihr Mann Andreas hat - nachdem er plötzlich arbeitslos wurde - Schulden mit in die Ehe gebracht. Der Lohn, den er heute als Möbelpacker verdient, liegt knapp über dem Sozialhilfesatz. Die Arbeitsteilung bei den beiden ist klar geregelt: Andreas geht arbeiten, Kirsten versorgt die Kinder und kümmert sich um alle Amtsgänge und Geldangelegenheiten. Ob Schuldentilgung, Erziehungsgeld, Praxisgebühren oder Versicherungsleistungen: Kirsten F. hat sich gründlich erkundigt. Das war nicht immer so: "Früher war es mir fast unmöglich, Leute anzusprechen", erzählt sie. "Durch meinen Beruf als Verkäuferin musste ich es zwar schon ein wenig lernen. Aber jetzt, wo der Druck der Schulden so groß ist, geht es überhaupt nicht mehr anders."
 
Immer auf dem Laufenden sein, Rechnungen und Mahnungen sofort öffnen, und vor allem direkt darauf reagieren - gerade wenn sie nicht sofort zahlen kann - das ist für Kirsten F. zur eisernen Regel geworden. Immer wieder drohten Zwangsmaßnahmen, Konto- oder Lohnpfändungen zum Beispiel. Einmal wäre beinahe das Gas abgestellt worden. Mit Unterstützung der Schuldnerberaterin Judith Menne konnten jedoch stets Lösungen gefunden werden, die auch die Gläubiger zufrieden stellten.
 
Im März erwartet Kirsten F. ihr drittes Kind - aus finanzieller Sicht eine kleine Katastrophe. "Ich habe sogar kurz überlegt, ob ich es abtreiben lassen soll", sagt sie. In der Schwangerschaftskonfliktberatung von Donum vitae fand die werdende Mutter Hilfe. Auch einige Geldmittel konnten ihr zur Verfügung gestellt werden. "Das hilft uns schon eine Menge weiter. Trotzdem: nun wird es noch deutlich länger dauern, bis wir - hoffentlich! - eines Tages schuldenfrei sind." Kirsten F. streicht sich über den Bauch. Mittlerweile freut sie sich auf das Kind. Allen Geldsorgen zum Trotz.
 

HINTERGRUND

Immer mehr deutsche Privathaushalte geraten in die Situation der Überschuldung - das heißt, die Zahlungsverpflichtungen werden so hoch, dass auch bei Aufwendung aller finanzieller Reserven und deutlicher Einschränkung der Lebenshaltung keine Abzahlung mehr möglich ist. Waren Schätzungen der Bundesregierung zufolge im Jahr 1989 noch ca. 1,2 Mio Haushalte überschuldet, so stieg die Zahl bis zum Jahr 1999 auf 2,77 Mio. Für das Jahr 2003 beläuft sich die Schätzung auf 3 Mio Haushalte - damit wären über 6 Mio Menschen betroffen. Besonders häufig überschulden sich Familien und Alleinerziehende mit Kindern. (Quelle: www.schulden-kompass.de)
 
Nach Angaben der Organisation Creditreform sind in den Kreisen Paderborn und Höxter (ohne Stadtgebiet Höxter) aktuell knapp 10 000 Haushalte als überschuldet erfasst, davon rund 600 in Warburg. Die Schuldnerberatung der Diakonie in Warburg betreut jährlich ca. 150 Fälle. Die Nachfrage steigt stetig. Kontakt: Diakonie Paderborn-Höxter e. V., Zweigstelle Warburg, Sternstr. 19, Tel. (05641) 7888-0, Sprechzeiten: Mo 9-11, 15-17 Uhr, Di-Fr 9-11 Uhr.

 

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